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hecate

Hecate

Hier sollte eigentlich ein schlauer, bedeutungsschwerer Spruch über die Weisheit des Lesens stehen, richtig?

Ich wollte lieber einen Witz reißen, aber mir fällt keiner ein. 

Eine beängstigende Vorstellung

Er ist wieder da - Timur Vermes

August 2011: Ohne zu wissen, wie und warum wacht Hitler auf einem leeren Grundstück in Berlin auf. Während er sich noch fragt, was er hier tut, wo denn Eva oder Goebbels seien, und warum die Straßen so sauber und friedlich aussähen, muss er feststellen, dass er sich im Jahre 2011 befindet.
Nach dem ersten Schock findet er sich schnell mit seiner neuen Situation ab und beschließt, dass er vom Schicksal ins Jahr 2011 geholt wurde, um sein Reich zurückzuerobern, weil es mit Deutschland in den vergangenen sechzig Jahren gründlich bergab ging.

Während der Lektüre fragte ich mich mehrfach, ob man so ein Buch schreiben dürfe oder solle und ob man es als Leser mögen dürfe. Ich sage: Ja!
Dieses Buch ist erschreckend in seiner Logik und Glaubwürdigkeit. Ich rede nicht von der Vorstellung, dass ein Mann, der seit sechzig Jahren tot ist, auf wundersame Weise wieder zum Leben erwacht, sondern von der Frage, wie viel Einfluss ein Mann wie Hitler heutzutage noch erlangen könnte.
Erschreckend viel, wie man im Verlauf des Buches feststellen muss. Natürlich erkennt im Buch niemand, dass es sich um Hitler höchstpersönlich handelt, und so nimmt ihn zunächst niemand ernst. Schnell jedoch wird er von einer Produktionsfirma entdeckt und macht im Fernsehen Karriere als Kömodiant. Die flammenden Reden, die er hält, werden teils mit Empörung, vermehrt aber mit wachsender Begeisterung aufgenommen …
Was mich an diesem Buch am meisten erschreckte, war nicht die knallharte Gesellschaftskritik – dass das RTL-Nachmittagsprogramm reine Volksverdummung ist, muss einem niemand erst sagen. Stellenweise ist es sehr amüsant, Hitlers Einschätzung des heutigen TV-Programms oder der heutigen Politik zu lesen. Wirklich beängstigend ist die Leichtigkeit, mit der Hitler die Herzen Deutschlands eroberte, wie schnell er seine Ansichten öffentlich verkünden konnte, ohne, dass irgendjemand begriff, was da gerade eigentlich passiert: Dass der vermeintliche Comedian auf der Bühne das, was er sagt, bitterernst meint.
Dabei kam ich jedoch nie in Versuchung, der Hauptfigur Hitler irgendwelche Sympathien entgegenzubringen, denn auch wenn ich herzlich über den „Buffalo-Bill-Anwalt im TV“ und Ähnliches lachen musste, verging mir das an anderer Stelle wieder schnell, wenn Hitler von der „widernatürlichen Existenz Polens“ redete, vom „Endsieg“ oder den Juden, den „Parasiten im Körper anderer Völker“. Dadurch wird man regelmäßig daran erinnert, mit wem man es in diesem Buch zu tun hat und dass dieser Mensch keine Sympathien verdient hat, sondern ein Massenmörder mit einer absolut kranken Ideologie.
Man darf nie vergessen, dass dieses Buch aus der Sicht Hitlers geschrieben ist, der von dem, was er sagte und tat restlos überzeugt war. Dabei zeigt er sich dennoch als Mensch, und das ist etwas sehr Wichtiges: Adolf Hitler war, trotz oder gerade wegen seiner Taten, immer noch ein Mensch. Er war kein Monster, seine Verbrechen nicht unmenschlich, ganz im Gegenteil: Zu solchen Gräueltaten sind überhaupt nur Menschen fähig, und Hitler das Menschsein abzusprechen und ihn zu einem „Monster“ zu machen, würde ihn zu etwas von der Menschheit Losgelöstem machen, zu jemandem, gegen den man nichts unternehmen konnte, aber gerade das war nicht der Fall. Hitler die Alleinschuld für die NS-Zeit zuzuschieben, ist wie ein Leugnen der Tatsache, dass er einen enorm großen Rückhalt in der Bevölkerung hatte. In diesem Buch wird das nur allzu deutlich: Ohne weitreichende Unterstützung durch die Menschen hätte Hitler nichts erreicht. Um sechs Millionen Menschen zu ermorden, braucht ein einzelner Hilfe, andere Menschen, die bereit sind, ihm zu folgen und die Morde zu begehen … und um im Jahr 2011 deutschlandweit Fernsehkarriere zu machen, braucht Hitler Einschaltquoten und Menschen, die das, was er zu sagen hat, hören wollen, und die findet er zur Genüge …
Dabei wird deutlich, dass Adolf Hitler kein Wahnsinniger war, sondern im Gegenteil sehr intelligent und berechnend, dass er ganz genau wusste, was er sagen und tun musste, um an Einfluss zu kommen. Im Buch gibt es mehrfach Passagen, in denen Hitler auf unglaublich subtile Weise die Menschen manipuliert, bis sie ihm zustimmen und gar nicht merken, was er ihnen da eigentlich gerade als Wahrheit verkauft hat.
Gerade aus diesem Grund verlangt es auch vom Leser einen gewissen Bildungsgrad, um angesichts der perversen Logik Hitlers nicht zu denken „Er hat ja irgendwie recht …“. Man muss immer aufpassen, nicht unbewusst mit dem Kopf zu nicken, weil Hitler dadurch, dass er selbst an der Richtigkeit seiner Weltanschauung so vollständig überzeugt ist, sie nur allzu überzeugend wiedergeben kann.
Man muss bei der Lektüre dieses Buches immer mitdenken, sich konzentrieren und kritisch bleiben.

Ich vergebe vier Sterne. Einen Stern Abzug gibt es für die ein oder andere etwas ermüdende Stelle, wenn Hitler seitenlang abschweift und über seine Ideologie und politische Arbeit redet. Vieles davon war für mich nichts Neues und wurde, besonders gegen Ende, doch etwas anstrengend, vor allem, wenn man sich kopfschüttelnd fragt, wie man auf eine derart kranke Sichtweise auf die Dinge kommen kann.